Zeenk führte seinen neuen Freund kreuz und quer durch das Hafenviertel. Er überquerte die breiten Straßen möglichst schnell, bog in dunkle Gassen ein und vergewisserte sich immer wieder, dass ihnen niemand folgte.

Vor einem großen Backsteingebäude mit einem hohen Eisenzaun blieb er stehen. Der Bau war mehrere Stockwerke hoch, zumindest im Vergleich zu den anderen Gebäuden dieser Gegend, hatte aber überhaupt keine Fenster. Zwei riesige Schornsteine trohnten auf dem Dach und verdoppelten locker die Höhe des Bauwerks. Über dem gewaltigen Eisentor stand in Druckbuchstaben “Fischgrund” geschrieben.

“Hier wurde vor mehreren Jahren Fisch im großen Stil verarbeitet: gepökelt, geräuchert, eingelegt usw.”, erklärte Zeenk. “Bis zur großen Fischkriese jedenfalls.”

Der Goblin ging zur Seite des Gebäudes, schaute sich nochmal um, bevor er gezielt zwei Eisenstäbe des Zauns zur Seite schob und hindurch schlüpfte.

Die Eingangstüren des Bauwerks waren mit diversen Schildern übersät: “Einsturzgefahr!” “Lebensgefahr!” “Betreten bei Strafe verboten - die Stadtverwaltung” “Gegenstand einer laufenden Ermittlungen - die saphirblauen Hände”

“Keine Sorge, die Schilder sind von uns .. die meisten zumindest.”, kommentierte Zeenk den interessierten Blick seines Begleiters. “So halten wir uns unerwünschte Besucher vom Hals.”

“Die sind .. echt gut .. die geprägten Wappen sehen total authentisch aus.”, nickte Ty'phoon bewundernd.

“Na klar, das sind sie ja auch! Wir klauen die Dinger von überall und hängen sie hier auf. Die Schilder durch die Stadt wieder entfernen zu lassen ist ein bürokratischer Albtraum und dauert Jahre.”, grinste der Goblin schelmisch.

In einem der kleinen unscheinbaren Nebengebäude hob Zeenk einige Holzdielen hoch und offenbarte ein verstecktes Loch im Boden. Der gegrabene Gang erinnerte an einen Minenschacht, war nur weniger elegant als es ein Zwerg jemals geduldet hätte. Die Größe war auf die Statur eines Goblins angepasst: schlank und klein. Ty’Phoon folgte im Entengang seinem Vordermann, bis der Gang größer wurde, in einer Rampe endete und das Innere des riesigen Gebäudes offenbarte: eine einzige riesengroße Halle.

Anders als es von außen vermuten ließ, war das Innere aber nicht heruntergekommen und verlassen. Wilde Aufbauten aus Holzplanken, Seilen und alten Segeln nutzten jede Mauer, jede Nische und jede Ecke aus. Chaotisch vertikal und horizontal verankerte Strukturen bildeten ein Spinnennetz aus Wegen, Brücken und Plattformen. Die beiden Schornsteine waren nicht auf dem Dach aufgebaut - es gab überhaupt kein Dach: man blickte in den wolkenlosen Sternenhimmel - sondern verliefen über ihre gesamte Höhe direkt bis zum Boden und mündeten jeweils in einem gewaltigen Brennofen. Die Bewohner nutzten die vertikalen Bauwerke, wie Elfen ihre Mammutbäume, für die Erweiterung ihres Lebensraums. Sie lebten an den Schornsteinen in kleinen Erkern, aber auch in horizontal angebrachten Ast-ähnlichen Querverstrebungen. Das Innere der Schornsteine wurde auch in luftiger Höhe durch Löcher im Mauerwerk zugänglich gemacht und wahrscheinlich für den Aufstieg genutzt. Die Brennöfen selbst und vermutlich auch alles darunter dienten als Mittelpunkt des Gemeindelebens. Überall brannten kleine Lichter und der gesamte Aufbau als solches war erfüllt vom regen Treiben seiner Einwohner.

“Willkommen im ‘Fischgrund’”, stellte Zeenk seine Kommune vor.

“Fühlt sich wie Zuhause an ..”, sagte Ty'phoon demütig und fühlte sich von seiner jahrelangen Reise plötzlich sehr erschöpft.


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